Artículos

Die Woke-Ideologie: Wen canceln wir heute?

Im Juni 2020, mitten in der Pandemie noch ohne Impfstoffe, betraten ein halbes Tausend Aktivisten den Golden Gate Park in San Francisco und rissen das Bronzebildnis des spanischen Franziskanermönchs Junípero Serra, Evangelisierer von Kalifornien, nieder. Ein Symbol für die "woke"-Ideologie oder die Kultur der Annullierung, die in verschiedenen Bereichen Fuß zu fassen scheint.

Rafael Miner·10 de marzo de 2022·Tiempo de lectura: 7 minutos
ideologia woke

Übersetzung: Antonia Pacher-Theinburg. Sie können den Originaltext hier lesen.

Der Sturz der Statue von Bruder Junipero war nur ein Symbol dieser «Woke»-Bewegung, die ich alles andere als kulturell nennen möchte. Vor einigen Wochen hat Bruder Antonio Arévalo Sánchez OFM, (mit Abschluss in Geschichte der Moderne), in der Zeitschrift Omnes aufgezeigt, wie Bruder Junípero (1713-1784) unter dem Leitspruch «Immer vorwärts, nie zurück» seine Intelligenz und Energie einsetzte, um den Eingeborenen von Querétaro und Kalifornien die Menschenwürde zu vermitteln. Dies tat er durch die Lehre der Evangelien, den Zivilisationsfortschritt und ein beispielhaftes Leben mit Geduld, Demut, Armut und enormen Opfern, die seinen Körper forderten».

Er erinnerte auch daran, dass Bruder Junípero Serra der einzige Spanier ist, dessen Statue im Kapitol in Washington steht, und dass es Papst Franziskus war, der den berühmten spanischen Ordensbruder am 23. September 2015 heiliggesprochen hat.

Neben anderen Redakteuren bezog sich Javier Segura von Omnes in seinem Artikel «Cultura ‘woke’ en el aula» («Die Woke-Ideologie im Hörsaal) auf Bruder Junípero. «Wir alle erinnern uns an die Zerstörung von Statuen berühmter Persönlichkeiten unserer Geschichte, wie Bruder Junípero Serra oder Christopher Kolumbus. Wir sind Zeugen des Geschichtsrevisionismus, den einige soziale Bewegungen vornehmen wollen, vermutlich im Zusammenhang mit dem Kampf um soziale Gerechtigkeit für bestimmte Gruppen».

Und Javier Segura fügte hinzu: «Diesem Druckmittel haben sich auch andere Gruppen angeschlossen (LGTBI, radikaler Feminismus, ökologischer Pantheismus, Tierrechte usw.), die ihre Vision der Realität fördern und letztlich durchsetzen wollen. Der Experte verwies dann auf eine der wenigen, aber sehr deutlichen Momente, bei denen Papst Franziskus auf diese «woke»-Ideologie Bezug genommen hat.

Warnung vor dem Einheitsdenken

Dies geschah in der üblichen Ansprache an die am Heiligen Stuhl akkreditierten Botschafter, die vor einem Monat, am 10. Januar, stattfand. Der Heilige Vater sagte: «Der Schwerpunkt des Interesses (vieler internationaler Organisationen) hat sich oft auf Themen verlagert, die von Natur aus kontrovers sind und nicht unmittelbar mit dem Zweck der Organisation zusammenhängen. Dies führt zu Agenden, die zunehmend von einem Denken diktiert werden, das die Grundlagen der Menschheit und die kulturellen Wurzeln, die die Identität vieler Völker ausmachen, leugnet».

Der Papst verwies auf das «Einheitsdenken», das zu einer Kultur der Annullierung führt. «Wie ich bereits bei anderen Gelegenheiten gesagt habe, halte ich dies für eine Form der ideologischen Kolonisierung, die keinen Raum für freie Meinungsäußerung lässt und die heute immer mehr die Form dieser ‘Kultur der Annullierung’ annimmt, die viele öffentliche Bereiche und Institutionen durchdringt. Im Namen des Schutzes der Vielfalt wird der Sinn für jede Art von Identität ausgelöscht, mit dem Risiko, dass die Stimmen zum Schweigen gebracht werden, die eine respektvolle und ausgewogene Vorstellung der verschiedenen Ansichten vertreten».

Nach Ansicht des Papstes «entwickelt sich ein gefährliches Einheitsdenken, das dazu zwingt, die Geschichte zu leugnen oder, schlimmer noch, sie auf Grundlage zeitgenössischer Kriterien umzuschreiben. Jede geschichtliche Situation sollte jedoch nach der Hermeneutik der jeweiligen Zeit und nicht nach der Hermeneutik von heute interpretiert werden».

Kurz gefasst könnte man hier die Streichung des Films «Vom Winde verweht» aus dem Programm des Streamingdienstes HBO Max im Jahr 2020 erwähnen, der in einer Kolumne der Los Angeles Times beschuldigt wurde, die Sklaverei zu fördern.

Oder, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, ein junger Professor für klassische Philologie in Princeton (USA), Dan-el Padilla Peralta, der sich gegen das Studium griechischer und lateinischer Autoren aussprach, weil es den Rassismus bestärke, wie der französische Philosoph Rémi Brague bei der Eröffnung des Kongresses der Katholiken und des öffentlichen Lebens an der CEU sagte.

Geschichte der Erlösung

Diese Bewegung oder «Woke»-Ideologie wurde von verschiedenen Persönlichkeiten im Rahmen des oben erwähnten Kongresses und danach immer wieder erwähnt. Mit ihnen und einigen anderen Autoren möchte ich drei Aspekte hervorheben, die sich aus dieser Ideologie ableiten und für jeden persönlich in der Gegenwart anwenden lassen.

«Wie auch immer wir diese Bewegungen nennen – «soziale Gerechtigkeit», «Woke Culture», «Identitätspolitik», «Intersektionalität», «Nachfolgeideologie» – sie behaupten, das zu bieten, was die Religion bietet. Außerdem erzählen diese neuen Bewegungen, ihre eigene ‘Heilsgeschichte'», warnte Erzbischof Jose Gomez, Erzbischof von Los Angeles und Vorsitzender der US-Konferenz der katholischen Bischöfe, per Videokonferenz.

Dies ist der erste, zentrale Aspekt. «Die Kirche und jeder Katholik muss heute mehr denn je die christliche Geschichte kennen und sie in ihrer ganzen Schönheit und Wahrheit verkünden, denn heute ist eine andere Geschichte im Umlauf. Eine antagonistische Erzählung der ‘Erlösung’, die wir in Medien und Institutionen hören, kommt von den neuen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit», fügte er hinzu.

Die Geschichte der «Woke»-Bewegung, so der Erzbischof von Los Angeles, gehe in etwa so: «Wir können nicht wissen, woher wir kommen, aber wir sind uns bewusst, dass wir gemeinsame Interessen mit denen haben, die unsere Hautfarbe oder unsere Stellung in der Gesellschaft teilen. Der Grund unserer Unzufriedenheit ist, dass wir Opfer der Unterdrückung anderer gesellschaftlicher Gruppen sind. Befreiung und Erlösung erreichen wir durch den ständigen Kampf gegen unsere Unterdrücker. Einen Kampf um politische und kulturelle Macht, im Namen der Schaffung einer ausgewogenen Gesellschaftsstruktur».

Eine Ausdrucksart, die, wie der Erzbischof warnte, wie ein Antagonismus des Klassenkampfes klingt, wie «eine kulturmarxistische Vision». Ähnlich wie die Gender-Ideologie Männer und Frauen auf tausend Arten konfrontiert, in einem anderen Antagonismus, der in unserer heutigen Zeit präsent ist.

Christliche Überzeugungen

Monsignore José Gómez wies auch auf ein zweites Problem hin, vor dem der Papst in seiner Ansprache an die Diplomaten gewarnt hatte. Es handelt sich um das Erbe des Glaubens und der Sakramente, um das Wesen von Ehe und Familie oder um die Erziehungspostulate mit christlichen Wurzeln, die einige ebenfalls streichen wollen.

«In Ihrem Programm für diesen Kongress spielen Sie auf die «Kultur der Annullierung» und auf die «politische Korrektheit» an. Und wir stellen fest, dass es oft Perspektiven sind, die in den christlichen Überzeugungen über das Leben, die menschliche Person, über Ehe, Familie und vieles mehr verwurzelt sind, die aufgehoben und korrigiert werden sollen», fügte der US-Prälat hinzu.

«In Ihrer und meiner Gesellschaft «schrumpft der ‘Raum’, den die Kirche und die christlichen Gläubigen einnehmen können. Kirchliche Institutionen und Unternehmen in christlichem Besitz werden zunehmend herausgefordert und schikaniert. Das Gleiche gilt für Christen, die im Bildungs- und Gesundheitswesen, in der Regierung und in anderen Sektoren arbeiten.

Boykott, Stigmatisierung

Wie eingangs erwähnt, gab es Momente, in denen Papst Franziskus in seinen Ausführungen vor den Diplomaten auf diese Themen Bezug nahm. Zum Beispiel, als er auf «Agenden anspielte, die zunehmend von einer Denkweise diktiert werden, die die natürlichen Grundlagen der Menschheit und die kulturellen Wurzeln, die die Identität vieler Völker ausmachen, leugnet». Oder als er deutlich darauf hinwies, dass «wir nie vergessen dürfen, dass es einige beständige Werte gibt. Es ist nicht immer leicht, sie zu erkennen, aber sie zu akzeptieren, gibt einer sozialen Ethik Festigkeit und Stabilität. Selbst wenn wir sie durch Dialog und Übereinstimmung anerkannt und akzeptiert haben, stellen wir fest, dass diese Grundwerte über jeden Konsens hinausgehen. Besonders hervorheben möchte ich das Recht auf Leben, von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende, und das Recht auf Religionsfreiheit», fügte er hinzu.

Wir können hier einige Geschichten von Boykott und Aufwiegelung in den Vereinigten Staaten aufzählen. Wenn Jeff Bezos und seine Frau beispielsweise 2,5 Millionen für eine Kampagne zur Legalisierung der Homo-Ehe im Bundesstaat Washington spendeten, «war das ein Zeichen ihrer fortschrittlichen Liberalität, und niemand würde das bestreiten».

Doch als Dan Canthy, der Eigentümer der Restaurantkette Chick.fil-A, in einem Interview erklärte, dass «das Unternehmen die traditionelle Familie unterstütze und zufällig auch an Organisationen gespendet hat, die gegen die gleichgeschlechtliche Ehe sind, riefen Homosexuellen-Aktivistengruppen zum Boykott seiner Restaurants auf, und Bürgermeister von Großstädten erklärten schnell, dass die Kette in ihren Gemeinden nicht willkommen sei». Ignacio Aréchaga berichtet darüber in seinem Artikel „Die Kultur des Boykotts“ (“La cultura del boicot“, Aceprensa) und kommentiert: «Es ist merkwürdig, dass in einem Land, in dem Geldverdienen nie verurteilt wurde, die Freiheit, es für eine Herzensangelegenheit zu spenden, in Frage gestellt wird».

Klarheit

An manchen Wochenenden hat Omnes zwei Interviews veröffentlicht, die aufgrund des Echos, nicht ohne Wirkung geblieben sind. Eines davon war das Interview mit dem Mittelalterprofessor Manuel Alejandro Rodriguez de la Peña (CEU), in dem er unmissverständlich darauf hinwies, dass «die Woke-Bewegung und die Kultur der Annullierung nur zu einer zensierenden, inquisitorischen Bewegung ausarten könne, die Meinungsfreiheit untersagt und jegliches Mitgefühl leugnet».

In diesem Sinne haben Mitte letzten Monats die von der Katholischen Vereinigung der Propagandist/innen (ACdP) geförderten Cancelled-Kampagnen begonnen. Ziel dabei ist es, «normalen Menschen eine Stimme zu geben, die dafür verurteilt wurden, dass sie vernünftige Dinge gesagt haben, und so diese Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen», sagen sie. Momentan ist auf ihrer Website der Arzt Jesús Poveda zu sehen, «einer der wichtigsten Unterstützer der Pro-Life-Bewegung in Spanien, der mehr als 20 Mal wegen seiner Sitzstreiks und Rettungsaktionen verhaftet wurde».

Das andere Interview wurde mit Professor José María Torralba (Universität Navarra) geführt, der den Masterstudiengang Christentum und zeitgenössische Kultur vorstellte, den das akademische Zentrum gerade einführt. José María Torralba, Direktor des Grundstudiums, spielte auf die angebliche Krise der Geisteswissenschaften an, wies aber darauf hin, dass «es Grund zur Hoffnung gibt». Der Masterstudiengang soll auch «eine Plattform, ein Forum sein, um an den kulturellen und intellektuellen Debatten teilzunehmen, die derzeit in unserem Land stattfinden, und eine Möglichkeit, in Madrid präsenter zu sein. Wir wollen ein Forum des Dialogs und der Begegnung für alle schaffen, die kommen wollen».

Zweifellos gibt es noch viele weitere Universitäten und Medienbereiche, über die wir weiterhin berichten werden, wie es Omnes bisher getan hat.

Ohne Feindseligkeit

Die dritte und letzte Frage, die wir uns stellen, ist die nach der Tragweite dieses Kampfes gegen die «Woke»-Ideologie und andere Ideologien. 

Ich persönlich möchte einige Worte zitieren, die ich von Erzbischof Mario Iceta von Burgos in derselben Veranstaltung gehört habe, in der auch der Erzbischof von Los Angeles sprach. «In einer Zeit, in der von einer postfaktischen Wahrheit die Rede ist, mit einer an Ideologien gebundenen Weltinterpretation, in der die reale Wahrheit mit Gewissheit oder Meinung verwechselt wird, müssen wir Christen auf Christus und das Evangelium hoffen, denn sie sind fähig zum Dialog mit allen Kulturen und Gedanken», betonte er.

Schließlich fragte er: «Was ist also unsere Haltung? Wir Christen sind nicht zu Konfrontation oder Feindseligkeit aufgerufen, sondern zum Guten und Schönen. Ein Vorschlag, gewiss, ein Angebot zur Begegnung und zum Erleuchten. Unser Vorschlag ist, das Gute zu zeigen, es ist die Fülle. Das ist unser Weg».

Papst Franziskus erinnert uns fast bis zur Erschöpfung daran, dass der Weg «Dialog und Brüderlichkeit» ist. Das ist kompliziert, wenn die Anderen als Menschen wahrgenommen werden, die in irgendeiner Weise bekämpft werden müssen. Es muss ein Klima des Respekts und der Toleranz herrschen.

In dem Dilemma, das sich manchmal zwischen «Vergebung oder Verurteilung» auftut, geht Rémi Brague so weit zu sagen, dass «Verurteilung eine teuflische Haltung ist». Der Satanismus kann relativ sanft und umso effizienter sein. Dem Teufel zufolge ist alles, was existiert, schuldig und muss verschwinden. Dies sind die Worte, die Goethe seinem Mephistopheles in den Mund legt (Alles was entsteht, / Ist wert, daß es zugrunde geht)». Papst Franziskus schloss seine Ansprache an die Diplomaten im vergangenen Monat mit den Worten: «Wir dürfen uns nicht scheuen, dem Frieden in unserem Leben Raum zu geben, indem wir Dialog und Brüderlichkeit untereinander pflegen. Friede ist ein «ansteckendes» Gut, das sich von den Herzen derer ausbreitet, die ihn wünschen und leben wollen, und die ganze Welt erreicht».

Colabora
¿Quieres noticias independientes, veraces y relevantes?

Querido lector, Omnes informa con rigor y profundidad sobre la actualidad religiosa. Hacemos un trabajo de investigación que permita al lector adquirir criterio sobre los acontecimientos y las historias que suceden en el ámbito católico y la iglesia. Tenemos a firmas estrellas y corresponsales en Roma que nos ayudan a que la información de fondo sobresalga sobre el ruido mediático, con distancia ideológica e independencia.

Te necesitamos para afrontar los nuevos retos de un panorama mediático cambiante y una realidad que exige reflexión, necesitamos tu apoyo.

Colabora
Más en Omnes
Newsletter La Brújula Déjanos tu mail y recibe todas las semanas la actualidad curada con una mirada católica